Navigation

Alle Neuigkeiten und Termine nach Kategorien:

Aufzucht heißt voraus denken – Sächsischer Milchrindtag

„Unsere Aufzuchtrinder sind die Milchkühe von morgen“. Diesen Ausspruch kennt jeder. Doch gerade deshalb ist es erstaunlich, dass die Schwachstellen im Bereich der Kälberaufzucht eher zu- als abzunehmen scheinen. Eine nach wie vor zu hohe Kälbersterblichkeit und der hohe Anteil an selektierten Jungkühen, >20% des Abgangskuhbestandes, belastet die Kosten des Betriebszweiges schwer. Daher beschäftigte sich der Sächsische Milchrindtag Anfang November mit Themen rund um die Aufzucht. Experten aus sechs verschiedenen Bundesländern präsentierten den 200 Teilnehmern Wissen im Sinne gesunder Kälber und leistungsbereiter Milchkühe.

Erstversorgung des Kalbes

Dr. Hans-Jürgen Kunz ist Kälberspezialist aus Schleswig-Holstein. Er stellte heraus, dass die Form der Erstbesiedlung des Darmes über Wohl und Wehe der ersten Lebenstage des Kalbes entscheiden. Die Erregerkonzentration der Umgebung und des Kolostrums sowie die Konzentration des Kolostrums mit den entsprechenden Wirkstoffen sind die entscheidenden Stellgrößen. Verschmutzte Abkalbeboxen mit hohen Tierkonzentrationen und dazu eine verspätete Erstkolostrumgabe unterstützen nur die pathogenen Clostridien und E. coli, bei der Übernahme der Vorherrschaft im Darm. Sind die Bindungsstellen auf der Darmschleimhaut besetzt, ist auch die Informationsweitergabe aus den Botenstoffen des Kolostrums über diese Pforten eingeschränkt. Dem lymphatischen Gewebe des Darmes fehlt es damit an Anschub und Energie, um den Hauptteil der benötigten Immunglobuline zu produzieren. Eine reichliche Energie- und Nährstofflieferung über die Tränkmilch bleibt in den ersten Wochen vordergründig wichtig. Nicht zu unterschätzen sind neben dem Bedarf für Erhaltung und Wachstum der zusätzliche Bedarf für die Körpertemperatur, sobald die Umgebung unter 15°C abkühlt, für das Immunsystem und Bewegung. Dr. Kunz favorisiert für die ersten drei Lebenswochen die Ad libitum-Tränke mit Vollmilch.

Aufzucht rentabel machen

Die betriebsindividuelle Aufzuchtstrategie zu überdenken empfehlen Jana Harms und Dr. Bernd Losand aus der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei in Mecklenburg-Vorpommern. Eine Reproduktionsrate von 24% versus 34% kann den zur Reproduktion benötigten Aufzuchttierbestand von 0,9 auf 0,7 Jungtiere pro Kuh kostenwirksam senken. 25% der lebend geborenen weiblichen Tiere können verkauft werden und für ein zusätzliches Einkommen sorgen. Je knapper die Faktorenausstattung mit Grünland, Stallplätzen oder Arbeitskräften ist, umso eher sollte man sich von den überzähligen Tieren trennen. Der Effekt der „ungenutzten“ Stallplätze und Arbeitskräfte erhöht zwar die Aufzuchtkosten pro Stallplatz. Weniger Tiere pro Arbeitskraft räumen aber Zeit für eine intensivere Betreuung des Einzeltieres ein. Geringere Besatzdichten könnten ein gesünderes Stallklima bewirken. Gesündere, bedarfsgerecht versorgte Tiere haben wiederum das Potenzial, Futterkosten zu sparen und über die Verbesserung der Qualität der Tiere deren Leistungsfähigkeit und Langlebigkeit und damit den Erlösrückfluss aus der Milch zu verbessern. Schon mit dem Rückgang der Jungkuh-Merzungen von 23% auf 19% ist der Aufwand des Wiegens bezahlt. Egal wo das Jungtier aufwächst, im eigenen Unternehmen oder ausgegliedert in einem spezialisierten Aufzuchtbetrieb, rein rechnerisch muss mit Kosten von 1.225 Euro bis 2.073 Euro kalkuliert werden. Wichtig sind saubere vertragliche Regelungen bezüglich der Laufzeit, den Kündigungsfristen, Aufkauf und ggf. Rückkaufverpflichtungen und auch Preisanpassungen.

Eine frühe Entscheidung für Tiere, die den eigenen Bestand reproduzieren sollen, bietet laut Ralf Strassemeyer von der MASTERRIND die genomische Typisierung des Bestandes. Die genomischen Zuchtwerte stimmen sehr gut mit den zu erwartenden phänotypischen Leistungen überein. Die Darstellung von Milchleistung, Zellzahl, Kalbeverlauf und Geburtsverlusten zeichneten ein überzeugendes Bild und belegen die Treffsicherheit dieser modernen Selektionsmöglichkeit.

Schmerzfrei enthornen

Dr. Gerd Möbius, Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig, stellte interessante Ergebnisse einer Studie vor, die zum Ziel hatte, verschiedene Varianten der Schmerzbehandlung beim thermischen Enthornen zu testen. Das Forschungsteam schlussfolgerte aus den Ergebnissen, dass die Sedation allein, sowohl mit 0,05mg/kg als auch mit 0,2mg/kg, nicht ausreicht, um eine sichere Schmerzausschaltung zu bewirken. Diese war ausschließlich mit einer Lokalanästhesie möglich. Der Grad der Schmerzminderung hatte bei den bis zum 10. Tag enthornten Kälbern Einfluss auf den weiteren Wachstumsverlauf. Die Gabe von NSAR (nichtsteroidalen Antirheumatika) zur Minderung des postoperativen Schmerzes und zur Entzündungshemmung unterstützte den Heilungsprozess. Kälber, die innerhalb der ersten zwei Lebenswochen enthornt wurden, zeigten ein geringeres Risiko für Fieber. Die höchste Wahrscheinlichkeit, keine Erkrankungen des Respirationstraktes auszuprägen, hatten die Kälber, die nicht bzw. nur scheinenthornt wurden. Wird ein Schmerzmanagement gewählt, welches durch einen Tierarzt durchgeführt werden muss, sind im Rahmen der Bestandsbetreuung Kosten zwischen 14 und 20 Euro pro Tier zu kalkulieren. Der Einsatz genetisch hornloser Väter sollte aus Sicht der Tierärzte alternativ favorisiert werden.

Verluste minimieren

Dr. Mandy Schmidt belegte mit ihrem Beitrag eindrucksvoll die Notwendigkeit, alles für eine bessere Gesundheit der Jungtiere zu tun. Seit über zehn Jahren bewegen sich die Kälberverluste in Sachsen um die 18%, eingeschlossen darin 7% Totgeburten. Rund ein Viertel der Betriebe mit einem Kuhbestand von über 500 Milchkühen weist Verluste über dem Durchschnitt auf (Auswertung über tschindi.org). Die Hygiene im Abkalbe- und Neugeborenenbereich und das Zeitmanagement für die Erstversorgung kristallisierten sich in den Untersuchungen als Hauptursache heraus. Infolge der Defizite in der Versorgung sind die Kälber anfällig für Durchfall- und Atemwegserkrankungen. Wichtig sind aus Sicht von Dr. Schmidt die Kenntnis der realen Situation durch Analyse und Diagnostik und die Einsicht der Betriebsleiter, dass eine erfolgreiche Kälberaufzucht Zeit und geschultes sowie motiviertes Personal verlangt.

Dr. Bernd Fischer von der LLG Sachsen-Anhalt in Iden griff den Staffelstab der Schwachstelle Kolostralmilchversorgung auf. Eindrucksvoll belegte er das Potenzial, welches in einer routinierten und frühen Versorgung der Kälber mit hochwertigem Kolostrum steckt. Als Maß für eine gelungene Erstversorgung eignet sich u.a. der Immunglobulin-G-Gehalt von zwei bis fünf Tage alten Kälbern. Sehr gut versorgte Kälber zeigten sowohl eine spätere und geringere Durchfallinzidenz, als auch Ausscheidung der gefürchteten Kryptosporidien.

Kryptosporidien

Mit diesen Aussagen erhielt Prof. Dr. Arvid Daugschies eine Steilvorlage für seinen Vortrag. Mit interessanten Details trug er zum Verständnis der Eigenheiten der Kryptosporidien bei. Danach stellte er erste Ergebnisse einer Untersuchung vor, in der versucht wurde, die Situation der Kälbergesundheit in drei Betrieben zu verbessern. Es wurden verschiedene Futterzusätze verglichen. Diese zeigten, wie auch schon in den Untersuchungen von Dr. Fischer, keine oder nur indifferente Möglichkeiten für eine Reduktion des Durchfallgeschehens. Komplizierter in der Umsetzung und einen langen Atem voraussetzend, waren betriebsindividuelle Konzepte in der Lage, das Krankheitsgeschehen mindestens tendenziell abzumildern. Beibehalten werden kann der erreichte Effekt natürlich nur, wenn diese Maßnahmen in eine betriebliche Routine integriert werden.

Gesunder Start

Schwergeburten sind der schlechteste Ausgangspunkt für eine erfolgreiche Laktation und ein erfolgreiches Kälberwachstum. Damit schloss Silke Dunkel inhaltlich den Kreis der Vorträge des Tages. Sie stellte heraus, dass mit einem gleichmäßigen Wachstum, mit intensivem Beginn und ohne kompensatorische Wachstumsphasen die Weichen für eine leichte und verlustarme Kalbung gestellt werden, die eine Voraussetzung für vitale Kälber ist. Vitale Kälber sind trinkfreudig und widerstandsfähig. Sie wiederholte die Forderung ihrer Vorredner, das Wachstum nicht dem Zufall zu überlassen. Regelmäßiges Wiegen ermöglicht es, Defizite zu erkennen, die gefütterte Ration zu bewerten und auf Abweichungen im Wachstumsverlauf gezielt zu reagieren.

Dr. Ilka Steinhöfel

Zurück
Diese Website verwendet Cookies. Wenn Sie diese Website weiterhin nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu... OK