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Interview Holstein International: Selektionsintensität im Zuchtprogramm

„Die Selektionsintensität im Zuchtprogramm wird weiter zunehmen!“

Seit fast 2 Jahren ist der 34-jährige Holger Dressel Bereichsleiter Zucht bei Deutschlands größtem Zuchtverband, der Masterrind. Neben den Bereichen Herdbuch und Klassifizierung umfasst seine Arbeit vor allem die Administration und Koordination des umfangreichen Zuchtprogramms, das in Zusammenarbeit mit den Partnern der NOG das größte ist, das man in Europa finden kann. Holstein International traf Dressel, der sich in seiner universitären Zeit vor allem mit Molekulargenetik und genomischer Selektion beschäftigte, am Hauptsitz der Masterrind in Verden.

Herr Dressel, wieviel Bullen testet die Masterrind aktuell?

‚Da wir unser Zuchtprogramm gemeinsam mit unseren NOG-Partnern Rinder Allianz, RSH und RBB durchführen, macht es Sinn, zunächst die NOG-Zahlen zu nennen. Zwischen April 2019 und März 2020 haben die NOG-Partner 134 Bullen angekauft. Die Masterrind als größter Partner hat davon 67 Bullen, also 50%, übernommen. Ich denke, den Umfang von 70 Bullen werden wir als Masterrind auch in den nächsten Jahren halten. Insgesamt wurden durch die NOG über 4.000 männliche Kandidaten getestet. Die Selektionsquote liegt also bei etwa 3.4% und wird mit der zunehmenden Ausweitung genomischer Tests bei weiblichen und männlichen Kandidaten weiter zunehmen.’

Wieviel Prozent der Bullen stammen aus eigenen weiblichen Donoren?

‚Als Masterrind besitzen wir nicht mehr als 5 weibliche Tiere, und auch die anderen NOGPartner haben sich dazu verpflichtet, den Anteil eigener Tiere zu begrenzen. Die meisten Jungrinder, die wir als NOG in unserem IVF/ET-Programm nutzen, sind im Besitz privater Züchter beziehungsweise im Gemeinschaftsbesitz der NOG-Partner und privater Züchter. Für uns hat es absolute Priorität, gemeinsam mit unseren Mitgliedern zu arbeiten. Von den mehr
als 130 angekauften Bullen der NOG-Partner stammen 60%-70% aus weiblichen Donoren unserer Mitglieder. In unserer IVF-Station am Standort in Nückel produzieren wir jährlich aus den etwa 300 dort untergebrachten Tieren über 10.000 Embryonen.’

Wieviel Prozent der Bullen werden ohne Vertrag direkt von Züchtern gekauft?

‚Das sind aktuell sicher noch gut 30%. Aber ich denke, dass wir mit unserem IVF- und Embryonenimportprogramm bewiesen haben, dass wir mit unseren Sire-Analysten ganz gut darin sind, unsere eigene Genetik zu produzieren. Ich denke, der Anteil frei zugekaufter Bullen wird in Zukunft weiter abnehmen.’

Wieviel Prozent der angekauften Bullen stammen aus Embryonen-Importen?

‚Für uns ist es wichtig, auch Genetik nutzen zu können, die wir hier in Deutschland nicht direkt erzeugen können. Vor allem dann, wenn bestimmte Bullenväter nicht importiert werden können oder wenn es international weibliche Tiere gibt, die auf Basis des deutschen RZG hohe Zahlen besitzen. Im vergangenen Jahr haben wir insgesamt 280 Embryonen importiert. Mit wenigen Ausnahmen wie etwa Kanada oder die Niederlande kamen diese fast ausnahmslos aus den USA. Diese Strategie werden wir weiterhin verfolgen.’

„Populationsgenetisch macht das Zurückhalten von Bullenvätern keinen Sinn!“

Wie stehen Sie zu dem Phänomen, hohe Bullenväter ausschließlich im eigenen Zuchtprogramm zu nutzen?

‚Als ich bei der Masterrind begonnen habe, haben wir uns selbst damit beschäftigt, über Pre-Release-Verträge hohe eigene Bullenväter zunächst ausschließlich im eigenen Zuchtprogramm zu nutzen. Aber das haben wir schnell beendet. Heute sind unsere höchsten genomischen Jungbullen frei verfügbar. Dem Zurückhalten von Bullenvätern stehe ich sehr kritisch gegenüber. Es verursacht nicht nur zusätzlichen organisatorischen Aufwand sondern macht auch populationsgenetisch keinen Sinn. Und natürlich ist es auch eine ethische Frage. Wollen wir akzeptieren, das bestimmte quantitative oder qualitative genetische Eigenschaften ausschließlich im Besitz einzelner Stationen sind?’

Gibt es eine Möglichkeit, trotzdem frühzeitig an bestimmte Genetik zu kommen?

‚Wenn wir jetzt speziell von nordamerikanischen Bullenvätern sprechen, dann hat man nur eine Chance, wenn man bereits geborene Bullen direkt in den USA kauft. Wir haben schon immer einen Teil unserer Bullen bei Hawkeye Breeders in den USA aufgestallt. Aktuell stehen dort etwas mehr als 50 Bullen und viele davon haben Pedigrees, zu denen wir über Embryonen-Importe keinen Zugang gehabt hätten.’

Sind auch diese Bullen ausschließlich auf RZG selektiert?

‚Nein, wir versuchen aufgrund unserer internationalen Spermavermarktungsaktivitäten einen Teil der Bullen vor allem auf TPI und vermehrt auch auf $NM-Basis zu kaufen. Andere internationale Gesamtzuchtwerte spielen im Vergleich dazu kaum eine Rolle. Wenn wir aber zufällig auf einen Bullen stoßen, der in bestimmten Ländern hoch testet, ist das eine gute Motivation ihn zu kaufen.’

Wie wichtig sind Ihnen andere genetische Eigenschaften wie Polled, Red-Holstein oder Kaseinmuster?

‚Sehr wichtig! Würden wir ausschließlich auf Gesamtzuchtwert selektieren müssten wir aufgrund unserer Testkapazität einen noch größeren Einfluss in den Toplisten ausüben. Aber wenn man seinen nationalen und internationalen Kunden spezielle genetische Eigenschaften anbieten möchte, und das ist ganz klar unser Ziel, dann muss man bereit sein, in Punkto Gesamtzuchtwert Kompromisse einzugehen. Mittlerweile haben sich auch genetische Eigenschaften wie Größe, Strichlänge oder Beinstellung zu Merkmalen entwickelt, auf die Züchter sensibel reagieren. Das müssen wir bei der Selektion beachten.

 

Interview: Stephan Schneider, Holstein International

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