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Würmer oder Labor – Einblicke in die Herstellung von In-Vitro-Fleisch

Alle zwei Jahre öffnet in Hannover die EuroTier ihre Pforten, um das Neuste aus der Welt der Tierzucht und -haltung zu demonstrieren. Mittendrin natürlich der MASTERRIND Messestand. In diesem Jahr ganz neu: die MASTERRIND Wissens-Lounge! An allen Messetagen kreisten hier Begriffe wie selektives Trockenstellen, Gene Editing, Mortellaro-Prävention, Social Media und auch In-Vitro-Fleisch. „In-Vitro-was?“ werden Sie sich jetzt sicherlich fragen.

Kommen Sie mit auf eine kleine Reise beginnend in der Vergangenheit, durch das Jetzt und ab in die Zukunft.

Sonntagmittag, vielleicht 1976, an einem Küchentisch. Die Familie sitzt beim traditionellen Sonntagsbraten, ob es Schwein oder Rind ist, spielt keine Rolle. Dieser Braten wurde in liebevoller Feinarbeit zubereitet und alle freuen sich auf diesen seltenen Fleischgenuss.

Viele Jahre später

Eine Familie sitzt an einem Küchentisch und es gibt Käfermadenfleisch aus dem Kühlregal sowie Fleisch aus dem Labor. Fiktion? Nein, nur teilweise. Käfermadenfleisch ist seit Frühjahr dieses Jahres käuflich zu erwerben. Fleisch aus dem Labor, das sogenannte In-Vitro-Fleisch (kurz: IVF) ist noch Zukunftsmusik. Noch spielen verschiedene Unternehmen wie Mosa Meat, Memphis Meat oder SuperMeat diese Melodien in den Petrischalen ihrer Labore in den USA, Israel, etc. Festzuhalten bleibt, dass bereits im Jahre 2013 der erste Burger aus Laborfleisch der interessierten Welt präsentiert wurde. Die Kosten beliefen sich im sechsstelligen Euro-Bereich und die Herstellung verlief eher kompliziert – nämlich von Hand. Der Run auf mögliche Konsumenten war eröffnet und in den Folgejahren überschlugen sich die Erfolgsmeldungen einzelner Unternehmen über eine verbesserte Technik.

Der Blick hinter die Kulissen

Herstellung von In-Vitro-Fleisch
Herstellung von In-Vitro-Fleisch
Quelle: http://www.itas.kit.edu

Wie kam es zu dem Schritt, Fleisch in einer Petrischale herzustellen? Der weltweite Fleischkonsum ist in den letzten Jahren stetig angestiegen. Es kursiert die Aussage, dass wir mindestens eine zweite Erde benötigten, um den zukünftigen Fleischkonsum stillen zu können. Auf die Auswirkungen auf das Klima und die Umwelt wollen wir hier nicht eingehen. Doch ein „weiter so“ ist längst nicht mehr ausreichend. Die Forderung nach Alternativen wird immer lauter. Die Entwicklung von Insektenfleisch, pflanzlichen Alternativen oder eben IVF hat begonnen und es ist eine Frage der Zeit, wann diese Produkte auf den heimischen Teller drängen.

Ohne Tiere geht es (noch) nicht

Die wichtigsten Komponenten bei der Erzeugung in der Petrischale sind Muskelzellen und Kälberserum. Zum jetzigen Zeitpunkt geht kein Weg an diesen beiden vorbei – die Suche nach Alternativen hat aber längst begonnen. Eine gewisse Anzahl an Tieren muss demnach gehalten werden, um als Stammzellenspender zu fungieren. In einem anschließenden Schritt werden Kälberföten Serum entnommen. Das gewonnene Serum dient den Muskelzellen als Nährmedium und bringt sie zum Wachsen und Teilen in einem Bioreaktor. Dieser ist ein ideales Umfeld, in dem sich die Zellen vermehren und zu Muskelfasern entwickeln. Die Herstellung ist auf den Einsatz von Antibiotika angewiesen, da die kultivierten Zellen kein Immunsystem besitzen und daher recht anfällig sind. Mit einem stärkehaltigen Bindemittel werden die Fasern verbunden und z. B., wie 2013 geschehen, zu einem Burger Patty verklebt.

Das große „Aber“

Das Kälberserum entspricht nicht der Forderung nach einem „tierleidfreien“ Lebensmittel, denn ein tragendes Rind wird geschlachtet, die Gebärmutter entnommen und das ungeborene Kalb entfernt. Diesem entnimmt man Blut aus dem Herzen, aus dem man das proteinhaltige Serum gewinnt. Dieser Eingriff verläuft nicht schmerzfrei und das Kalb stirbt. Intensiv wird aus diesen Gründen nach alternativen Nährlösungen geforscht, da diese Art der Herstellung nicht von der  Bevölkerung akzeptiert werden würde. Ohne Tiere geht es (noch) nicht

Expertenmeinung in der Wissens-Lounge

Im Rahmen der Podiumsdiskussion „Wenn Fleisch im Reagenzglas produziert und „veggie“ zur Lebensphilosophie wird – Kehrtwende Landwirtschaft?“
beschäftigten sich die Referenten Prof. Dr. Peter Kunzmann, Udo Pollmer und Mathias Schneider unter der Leitung von Matthias Schulze Steinmann u.a. mit der Frage, wie eine zukünftige Welt aussehen könnte. Die Forderung der Tierrechtler nach einer Welt ohne Nutztiere beleuchteten die fünf von allen Seiten. Ein Punkt ist, dass die Mensch-Tier-Beziehung immer lockerer wird, gleichzeitig wissen viele Mitmenschen nicht einmal mehr, wie das Tier aussieht, dass ihnen als Schnitzel serviert wird. Die Frage nach dem „Hacktier“, das das Hackfleisch liefert, sollte uns allen zu denken geben. Kritiker der IVF-Methode geben zu bedenken, dass diese lockere Beziehung zwischen den Tieren und dem Menschen durch eine Fokussierung auf In-Vitro-Fleisch noch untermauert werden könnte.

Bis wir in einen Hamburger aus in-Vitro-Fleisch beißen können, werden noch einige Jahre ins Land gehen. Noch ist die Produktion Zukunftsmusik, doch  die Weichen sind gestellt und bald müssen wir eine Antwort für uns finden: Würmer, Labor oder doch das herkömmliche Stück Fleisch?

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